Biohund - Ein Plädoyer
von DI Dr. Hellmuth Wachtel, Wien

- aktuell redigiert vom Verfasser, April 2010 -
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In der heutigen Zeit des steigenden Umweltbewusstseins ist eine starke Rückbesinnung zum Natürlichen
zu verzeichnen, daher gibt es viele unter uns, die alles "Bio" lieben: Nahrungsmittel, Kleidung, Bauen,
Wohnen usw. In der Tierzucht besinnt man sich auf alte, naturverbundene Haustierrassen, im
Pflanzenbau auf die alten Landsorten. Und auch in der Hundezucht und -haltung gibt es Tendenzen zum
Mischling oder zur Naturzucht, wie man bei Lorenz, Trumler u.a. nachlesen kann.
Aber nicht Mischlinge sind die Lösung, sondern der heterozygote (genetisch vielseitige) Rassehund. Der
Mischling ist kein Ausweg, heute schon gar nicht. Abgesehen davon, dass man nie weiß, was für ein Hund
sich da entwickelt, weisen Hundeklubs gern darauf hin, dass ja auch Mischlinge unter denselben
Krankheiten leiden, wie hochgezüchtete Rassehunde.
Nun, das nimmt nicht Wunder, denn wohl werden Mischlinge meist vitaler sein, aber da sie ja auch nur
aus hochgezüchteten, daher oft mit Erbkrankheiten behafteten Hunden entstehen, wird häufig das eine
oder andere, vor allem polygene Erbleiden nicht mehr durch die Kreuzung ausreichend dominant
überdeckt, also hat dann auch der Mischling dieses Leiden, besonders, wenn es auch durch
Umwelteinflüsse ausgelöst wird, die ja beim Mischling durch die meist schlechtere Haltung eher eintreten.
Auch der Mischling ist nicht mehr das, was er war, als die Basispopulation der Haushunde aus
Landschlägen bestand, die eine große Erbvariabilität aufwiesen.
Was aber ist der "Biohund"? Etwas, was es (noch) nicht gibt, nämlich den bewusst wieder auf hohe
Heterozygotie (erbliche Variabilität) und damit Vitalität, Langlebigkeit und Leistung gezüchtete
Rassehund!
Genetische Isolierung - die Wurzel des Übels
Es geschah im vorigen Jahrhundert: die Schläge und Varianten der verschiedenen Gebrauchshunde, die
es damals gab, wurden zuerst in England, dann auch auf dem Kontinent zuchtbuchgemäß erfasst,
Standards erstellt, und es geschah das, was wir Hochzucht nennen: die verschiedenen Schläge waren
nun gegeneinander abgegrenzt und durch Inzucht, Linienzucht und scharfe Selektion, insbesondere auf
den sogenannten Formwert, soweit vereinheitlicht, dass sie nunmehr als Rassen bezeichnet werden
konnten.
So wurde bald aus jeder Rasse eine isolierte Fortpflanzungsgemeinschaft, der so wichtige genetische
Austausch innerhalb der Spezies "Haushund" aber weitgehend unterbunden, wenn wir von den
Mischlingen absehen (aus denen nicht selten bis in die jüngste Zeit auch noch Rassen wurden, siehe
Kromfohrländer, Eurasier, usw.). Dies war eine züchterische Revolution, der wir heute unsere zahlreichen
Rassen und ihre Erhaltung zu verdanken haben, aber die sich nun auch in mancher Hinsicht als
verhängnisvoll erweist.
Die Hundezucht hat sich ja gegenüber der Nutztierzucht völlig gegensätzlich entwickelt. Bei Rindern,
Schweinen, Geflügel usw. begann es zunächst ebenso, die sogenannten Landschläge wurden zu Rassen
hochstilisiert. Aber dann setzte eine gegenläufige Entwicklung ein: man erzeugte Hybriden, indem man
zwei oder mehr Inzuchtlinien scharf auf Leistung (und nur auf diese) selektierte, wobei aber diese
dennoch durch die Inzuchtdepression zurückging. Dann wurde zwischen diesen gekreuzt, und die
Nachzucht erwies sich, weil ja in hohem Grade heterozygot, als besonders vital und leistungsfähig.
Diese Erscheinung wird "Luxurieren", englisch "hybrid vigour" genannt, sie ist aber nichts anderes als die
normale, natürliche Vitalität nicht ingezüchteter Tiere. "Hybriden" haben sich heute daher besonders in
der Schweine- und Geflügelzucht durchgesetzt. Die Ursache dafür ist, dass diese Kreuzungen ganz
extrem heterozygot sind, d.h. dass an sehr vielen Genorten verschiedenartige Genpaare (Allele)
vorhanden sind. Dadurch ist der Organismus dieser Tiere besonders gut befähigt, auf Umweltreize
biologisch optimal zu reagieren, ob es sich um die Auswertung der Nahrung, die Widerstandsfähigkeit
gegen Krankheitserreger, Hitze, Kälte, Leistung usw., kurz alle Anforderungen des Lebens handelt.
Bei den Hunden jedoch stand, anders als bei den Nutztieren für Milch, Fleisch, Eier usw., außer bei den
Gebrauchshunderassen nicht irgendeine Leistung, sondern eben das, was als Schönheitsideal betrachtet
wird, also der Formwert bzw. der Standard im Vordergrund. Verständlich, denn einheitlich
standardgemäße Hunde erzielt man am leichtesten durch Inzucht und Selektion auf Konformität mit dem
Standard.
Bei den Gebrauchshunden blieb aber die Gesundheit weit besser erhalten.
Nun wäre Inzucht u.U. länger durchzuhalten, wenn gleichzeitig scharf oder sogar ausschließlich auf
Gesundheit und Vitalität selektiert wird, wie es ja meist bei Gebrauchshunden der Fall ist (ein Beispiel
dafür ist der Alaskan Husky, der nur auf die Vitalitätsmerkmale Schnelligkeit und Ausdauer gezüchtet
wird). Dennoch kommt man auch hier auf die Dauer ohne "frisches Blut" nicht aus, denn die Anhäufung
schädlicher rezessiver Gene für quantitative Merkmale, die sich gegenseitig beeinflussen und steigern und
so die Vitalität mindern bzw. erst im Zusammenwirken die meisten Erbkrankheiten (z.B. HD =
Hüftgelenkdysplasie) hervorrufen, kann man so nicht verhindern. Die frühere Meinung, Inzucht plus
Selektion auf Gesundheit sei unschädlich, hat sich als schwerer Irrtum erwiesen, denn multifaktorielle
Erbkrankheiten und Defektgene treten so im Gegensatz zu einfach rezessiven dadurch nicht ans
Tageslicht und werden im Gegenteil immer mehr angehäuft. Aber Selektion auf Gesundheit hilft, Schäden
durch Inzuchtdepression zu bekämpfen.
Als daher vor einigen Jahren ein Wissenschaftler in Holland anregte, man solle doch nach dem Beispiel
der Nutztierzucht auch beim Hund Kreuzungen durchführen, erntete er empörte Kommentare. Inzwischen
aber sind die Rufe nach einer Trendwende in der Kynologie unüberhörbar geworden, wenn man auch die
Rassen ganz gewiss nicht aufgeben kann und will. Man muss die Heterozygotie, soweit irgend möglich,
züchterisch eben innerhalb der Rassen erreichen! Von den etwa zwanzigtausend Genen des Haushundes
beeinflussen wir bei der Zucht auf Formwert vielleicht dreißig.
Liegen diese durch intensive Selektion und Linienzucht homozygot vor, sehen die Zuchtprodukte
einheitlich "rassetypisch" aus. Allerdings haben wir dabei auch unvermeidlich viele andere Gene, die
damit nichts zu tun haben, auch in die homozygote Form gebracht, und darunter befinden sich nun viele
schädigende Allele, sei es solche von Erbkrankheiten einfach rezessiver, vor allem aber polygener Natur
(wie z.B. HD) oder auch "nur" solche, die die Vitalität, Fruchtbarkeit, das Wachstum, das Wesen, bei
Gebrauchshunden die Leistung und Widerstandsfähigkeit usw. beeinträchtigen.
Wie wir wissen, ist aber für ganze Rassen die "Inzucht ohne Inzucht" (nach Prof. Schleger) praktisch noch
verheerender, womit die Verwendung zu weniger Deckrüden gemeint ist. Die sogenannte "genetisch
effektive Population" ist nämlich nie größer als viermal die Zahl der Rüden, auch wenn diese noch so viele
Hündinnen decken (z.B. ein Rüde auf theoretisch unendlich viele Hündinnen - effektive Population ist nur
ca. 4!). Da nun Inzucht und - wie die schwedischen Kynologen es nennen - die "Matadorzucht"
(übermäßige Verwendung weniger Champions in einer Rasse) bei den meisten unserer Rassen seit langer
Zeit ausgeübt wird, stieg der Inzuchtfaktor allmählich immer mehr an. Der notwendige Grad an
Heterozygotie (erbliche Vielfalt) wird dadurch bereits vielfach unterschritten, Erbkrankeiten brachen - und
brechen - aus. Was kann man dagegen tun?
Nicht nur Symptome, die Ursachen bekämpfen!
Will man sich dem Trend, dass alle paar Jahre eine neue Erbkrankheit auftaucht oder eine bisher
bedeutungslose problematisch zu werden beginnt, entgegenstellen, gilt es, verschiedene Maßnahmen zu
ergreifen und zwar:
1. Je nach Größe der Population einer Rasse die maximale Zahle der Würfe nach einem Rüden
zu begrenzen, also die Anzahl der verwendeten Rüden zu maximieren. In Schweden schlägt
man je nach Größe der Population eine Begrenzung von hundert bis auf einen einzigen Wurf je
Rüden (auf Lebenszeit!) vor. Professor Per-Erik Sundgren von der Universität Uppsala empfahl
die Begrenzung auf 5 % der registrierten Welpen der Rasse auf eine Fünf-Jahres-Periode.
2. Nur solche Partner zu paaren, die ein Minimum an gemeinsamen Ahnen im Stammbaum (im
Idealfall: gar keine!) aufweisen (in jeder Rasse gibt es ohnehin in mehr oder weniger weiter
zurückliegenden Generationen gemeinsame Ahnen) und keine gröberen Nachteile aufweisen.
Bei mehreren etwa gleichwertigen Möglichkeiten in bezug auf Blutsfremdheit erst wählt man
den standardgemässeren Partner wie bisher gehandhabt.
3. Wenn nötig, Haar- und Farbvarianten einer Rasse wieder zu kreuzen.
4. Import von Rüden oder deren Samen aus Gebieten, wo die Zucht sich bereits länger
verselbständigt hat und damit blutsfremder geworden ist (was aber nicht einfach sein kann,
da z.B. immer wieder bei vielen englischen Rassen auf Importe aus Großbritannien
zurückgegriffen wurde).
5. Ist eine Rasse sehr selten geworden und ihre Erbgesundheit alarmierend bedroht, wird man
sich in Zukunft weniger scheuen dürfen, eine nahverwandte Rasse einzukreuzen (derartiges
ist z.B. mit Holländischen und Belgischen Schäferhunden versuchsweise geschehen, wobei die
Nachzucht sofort an Vitalität, Fruchtbarkeit und auch z.B. im Pflegeverhalten der Hündin
gewann).
6. In bestimmten Fällen die Stammbücher wieder öffnen, d.h. z.B. stammbaumlose, aber im
Exterieur entsprechende Tiere unter bestimmten Kriterien zu registrieren.
7. Gegen verschiedene Erbkrankheiten gibt es heute bereits Gentests, so dass man viele direkt
durch Ausschluss der Defektträger oder auch Paarung derselben mit defektgenfreien Hunden
bekämpfen kann. Vielfach wird letzteres vorzuziehen sein, da manchmal schon die Hälfte oder
noch mehr der Hunde einer Rasse Defektträger sind.
Die vordringlichsten Maßnahmen sind die unter 1,2 und 7 genannten. Wenn der Fall nicht durch zu
starkes Auftreten von Erbkrankheiten bei einer Rasse mit sehr wenig Würfen schon kritisch ist, müsste es
damit allein gelingen - natürlich unter gleichzeitiger strenger Selektion - , die Widerstandsfähigkeit und
Vitalität der Zuchtprodukte einer Rasse zu normalisieren.
Während man in Schweden heute insbesondere die Anzahl der verwendeten Zuchtrüden durch
Bewilligung nur einer limitierten Zahl von erzeugten Würfen je Vatertier erhöhen will, führt man in
Holland populationsgenetische Grundregeln in die Zuchtordnungen für jede Rasse ein. In Australien
wieder wird die möglichst blutsfremde Paarung propagiert. Es besteht kaum ein Zweifel, dass - im
Interesse der Zukunft unserer Hunde - alle erwähnten Maßnahmen die züchterische Strategie der Zukunft
darstellen werden.
Bei - rechtzeitiger und konsequenter - Anwendung der geschilderten Maßnahmen, die gewiss ein großes
Maß an Umdenken bedeuten, würden jedoch - außer in sehr kritischen Fällen - Erbgesundheitsprobleme
wieder bedeutungslos werden! Jetzt allerdings sieht es so aus, dass nach einer französischen Erhebung
20 % aller Rassehunde erbliche Defekte aufweisen, eine alarmierende Situation!
Der Rassehund ist heute nicht nur durch die verschiedenen Erbkrankheiten bedroht, sondern auch durch
die Inzuchtdepression, die die Widerstandskraft, Fruchtbarkeit, Lebensdauer, Leistungsfähigkeit usw.
vermindert. Der Immungenkomplex MHC, der uns vor Tausenden verschiedenen Krankheitserregern
schützen kann, wird nicht nur in seiner Funktion beeinträchtigt, sondern spielt auch in manchen Rassen
zunehmend "verrückt", d.h. es treten verstärkt Autoimmunkrankheiten auf.
Im Artenschutz hat man heute Methoden entwickelt, um gefährdete Tierarten vor dem Aussterben durch
genetische Verarmung zu schützen. Solche Methoden stünden nun auch der Hundezucht zur Verfügung.
Man kann einerseits mit Computer berechnen, wie man die genetischen Anteile der ursprünglichen
Stammtiere einer Rasse erhält, oder jene Tiere ermitteln, die mit der übrigen Population am wenigsten
verwandt sind oder seltene genetische Kombinationen aufweisen. Solche Individuen haben, wenn sie
auch anderweitig zuchttauglich sind, einen besonderen Wert für die Rasse. Auch durch DNA-Studien kann
man wertvolle Hinweise erhalten.
Das also wäre der "Biohund": ein Rassehund, der unter Beachtung der genannten Regeln erzüchtet
wurde: Primär möglichst ohne Ahnenverlust, als ohne Linien- und Inzestzucht und bei scharfer Selektion
auf Gesundheit, und erst sekundärer Selektion auf Standardkonformität - wobei dieser Standard keine
anatomischen Anomalien mehr enthalten dürfte, die das Wohlbefinden oder die Gesundheit
beeinträchtigen, wo immer diese bisher vorgeschrieben waren. Natürlich werden dann diese Hunde auch
naturgemäß ernährt und aufgezogen.
Eine neue Epoche der Hundezucht?
Der Trend zur Wende hat also mehrere Ursachen:
 Die besorgniserregende Zunahme von Erbkrankheiten.
 Trend zu verschärften Gesundheitsgarantieleistungen der Züchter für ihre Produkte
 Der heute weitreichender aufgefasste Begriff der Tierquälerei, der nun auch Zuchtmethoden
betrifft, die das Wohlbefinden des Zuchtproduktes beeinträchtigen. Schließlich wird der
Boom neuer Sportarten wie Agility, Fly Ball usw. den Bedarf an leistungsfähigen Hunden auch bei
Gesellschaftsrassen steigen lassen.
Natürlich kämen solche "Biohunde" dann ganz wesentlich teurer als nach den bisherigen Regeln
gezüchtete, und sie wären vermutlich, am Standard gemessen, weniger "typvoll" und einheitlich als
ingezüchtete Schauhunde. Ohne Linienzucht ist die "modische" Umzüchtung kurzfristig nicht denkbar,
aber das ist, kynologisch gesehen, kein Nachteil. Diese Tiere wären ja gesünder, vitaler, leistungsfähiger
und langlebiger, wären also auch bezüglich Tierarzt- und "Wiederbeschaffungskosten" "rentabler" und
somit wertvoller. Auch sie würden natürlich Defektgene beherbergen, aber in geringer Zahl, und je nach
der Ausgangslage doch soweit dominant "überdeckt", dass sie sich nicht manifestieren könnten. Und vor
allem auch wäre so die so genannte "Qualzucht", als so Extreme die zu Leiden und Schmerzen führen,
nicht länger möglich.
Es ist anzunehmen, dass dann viele potentielle Hundehalter, die heute Mischlinge beziehungsweise
"designer dogs" wie labradooddles oder cockapoos vorziehen, für solche Rassehunde "aus Qualitäts-
Biozucht" Interesse hätten und dafür auch den entsprechend höheren Preis bezahlen würden. Wenn dann
einmal Heterozygotie eine Voraussetzung zur Zulassung bei Ausstellungen wäre, dann bräuchte man für
die Zukunft des Rassehundes - in dieser Hinsicht jedenfalls - nicht mehr zu fürchten, wenn also
Hundezucht generell wie in alten Zeiten "Biohundezucht" bedeuten würde.
Eine Hunderasse ist als eigenständiges Lebewesen zu betrachten, das besonders durch zu kleine
Populationen und zu wenige Zuchttiere, besonders Rüden bedroht ist. Wer seinen Championrüden voll
Stolz unbegrenzt Hündinnen decken lässt, schadet der Rasse, denn dessen unvermeidliche Defektgene
verbreiten sich und können so im schlimmsten Fall das erzeugen, was man euphemistisch
"Rassendispositionen" zu dieser oder jener Krankheit nennt. Daneben aber steigt im schlimmsten Fall der
Inzuchtkoeffizient der Rasse, da die Nachkommen alle mindestens Halbgeschwister sind.
Dieses Vorgehen aber ist unverantwortlich, denn eine Hunderasse ist ein Gemeingut, das ein Züchter
sozusagen treuhändig für seine Ziele benützt, und möglichst in gleicher Qualität an die Nachwelt
vermitteln müsste.
- aktuell redigiert vom Verfasser, April 2010 -
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