Die Welpen sind am 11. Juli geboren worden - KLICK

Die Welpen werden erst nach Titerbestimmung grundimmunisiert, sodass keine Nachimpfungen mehr notwendig sind. sh hierzu bitte auch ‘Haustiere impfen mit Verstand” und zusammenfassend: http://www.xandor-online.de/html/welpenimpfung___grundimmunisie.html

 

Sie werden möglichst naturnah ernährt und bestmöglich geprägt.

Die Welpen werden im Haus und Garten aufgezogen und mit möglichst vielem vertraut gemacht ohne dabei überfordert zu werden, sodass sie möglichst lebenslang stets gut mit Neuem umgehen können.

Ausserdem werden wir die Welpen je nach geplantem neuen Zuhause speziell fördern.

 

Als Welpenkäufer wünschen wir uns Menschen mit herzlichem Hundeverstand, die sich auf einen arbeitsfreudigen Hund freuen.

 

bitte melden Sie Sich unter Kontakt (klick)

 

Verhaltenskynologischer Leitfaden
für Züchter und Welpenerwerber
von Dina Berlowitz, Andrea Weidt, Heinz Weidt
Wem der Hund als Züchter
oder künftiger Hundehalter
wirklich am Herzen liegt,
wird sich mit der Kynologie,
der Lehre vom Hund, befassen.
Es handelt sich dabei um
ein ausserordentlich vielseitiges
und spannendes Wissensgebiet.
Das Wissen um den
Hund ist in dem Umfang
eine Herausforderung, wie
der Einzelne darum bemüht
ist, einerseits dem Hund
gegenüber gerecht zu werden
und andererseits eine harmonische
Beziehung zu ihm zu
haben. Dem Verhalten und
Wesen eines Hundes kommt
dabei eine besondere Bedeutung
zu. Denn darin liegt
genau das, was ihn für uns
Menschen so wertvoll macht
und uns innerlich so bereichern
kann.
klangvolle Name des Stammbaums ist es
nicht. Viel wichtiger ist, wie es mit der sozialen
Kompetenz eines Züchters und dessen
Gestaltung der Aufzuchtbedingungen aussieht.
Vor allem geht es aber darum, zu verstehen,
was für eine gelingende Verhaltensund
Wesensentwicklung von einem so hoch
organisierten Lebewesen wie dem Hund
tatsächlich entscheidend ist.
Darin liegt noch ein anderer, höchst bedeutsamer
und oft nicht ausreichend bedachter
nachhaltig dient und dem aktuellen Stand
des Wissens entspricht.
Nutzen daraus soll zunächst einmal der
Züchter ziehen, der bisher die Lösung mancher
Verhaltens- oder Wesensprobleme vergeblich
in den Genen sucht. Aber auch der
künftige Hundehalter soll wissen, worauf es
wirklich ankommt. So mag noch selbstverständlich
sein, dass man einen Welpen weder
über den Versandhandel bezieht, noch
am Autobahnparkplatz kauft. Auch der
Foto: D. Berlowitz
© KYNOLOGOS und Schweizer Hunde Magazin, Februar 2006
Verhalten in einem von uns Menschen nur
sehr schwer vorstellbar langen Zeitraum von
Jahrmillionen bestmöglich in ihren jeweiligen
Lebensraum eingepasst. Das Lebewesen und
sein Lebensraum, also seine spezielle Umwelt,
gehören aufs Engste zusammen und sind für
ein selbstständiges Leben nicht beliebig veränderbar.
Anders ist es bei uns Menschen. Im Laufe unserer
Entwicklungsgeschichte haben wir uns
unter Gebrauch von Werkzeug und selbst geschaffenen
Hilfsmitteln solche Voraussetzungen
gestaltet, die ein Leben unter extrem unterschiedlichen
Bedingungen – zumindest befristet
– möglich machen. Im begrenzten
Umfang gilt das auch für unsere Hunde, sofern
wir dabei als Fürsorgegaranten Schutz
und Fürsorge übernehmen und die Grenzen
ihrer jeweiligen Anpassungsfähigkeit nicht
überschritten werden.
Grenzen der Anpassungsfähigkeit
Die Grenzen der Anpassungsfähigkeit eines
Hundes werden beispielsweise dort überschritten,
wo von ihm körperliche und psychische
Leistungen abverlangt werden, die er
nicht erbringen kann. Aber auch dort, wo ein
Hund ein hohes Leistungsvermögen besitzt, es
jedoch durch die Art seiner Haltungsbedingungen
nicht beanspruchen und ausleben
kann, wird die Fähigkeit, mit seiner Umwelt
und sich selbst zurechtzukommen, überfordert.
So ist es zum Beispiel völlig natürlich,
wenn ein antriebsstarker und hochveranlagter
Jagdgebrauchshund ausschliesslich als familiärer
Haushund in der Stadt gehalten wird
und seine ständig unterdrückten Antriebe
zunächst Unarten sowie zunehmend Verhaltensstörungen,
dann unerwartete Zerstörungs-
Natürliche Gesetzmässigkeiten
Wie alles Leben auf der Erde, unterliegt auch
das Verhalten und Wesen unserer Hunde bestimmten
Gesetzmässigkeiten der Natur. Als
Wolfsabkömmlinge wurden sie über den langen
und verschlungenen Weg der Domestikation,
womöglich auch der Koevolution an
die unterschiedlichsten Bedürfnisse des Menschen
angepasst. Ein kaum zu glaubender
Variationsreichtum, wie er auch durch die
grosse Rassevielfalt zum Ausdruck kommt,
legt davon Zeugnis ab. Je nachdem, zu welchem
Nutzen des Menschen Hunde dann
schliesslich planmässig gezüchtet wurden,
sind sie zu den unterschiedlichsten (Verhaltens-)
Leistungen befähigt. Ihr Lebensraum, ihr
„Verwendungszweck“ und die Art ihrer Beanspruchung
und Beschäftigung standen dabei
ursprünglich in einem zueinander passenden
Verhältnis.
Diese Passung entspricht dem Vorbild und
Wirkungsgefüge der Natur in der Weise, wie
beispielsweise Eisbären im kalten Norden
und Kamele in heissen Wüsten- und Steppengebieten
leben. Die betreffenden Lebewesen
haben sich mit ihrem Organismus und ihrem
Effekt. Er besteht darin, dass viele grundsätzliche
Mechanismen und Abhängigkeiten des
Verhaltens beim Hund dem Prinzip nach jenen
des Menschen oft sehr ähnlich sind. Das
gilt vor allem für das Lernen und die Gefühlsentwicklung.
Ohne unzulässige Gleichmacherei
können daher viele Probleme bei unseren
Hunden ein überschaubares und nachdenklich
machendes Modell für manche
Probleme in unserer Gesellschaft, vor allem
im Umgang mit Kindern sein. Ein solcher Vergleich
ist umso weniger anstössig, je mehr
wir dabei bemüht sind, die verbleibenden
Unterschiede zwischen Mensch und Hund zu
sehen und zu suchen.
Als Autoren bemühen wir uns über jeweils unterschiedlich
lange Zeiträume und aus verschiedenen
Perspektiven auf das aufmerksam
zu machen, was in der Vergangenheit entweder
schleichend verloren gegangen oder
trotz neuer und weiterführender Erkenntnisse
unberücksichtigt geblieben ist. Wir stützen
uns dabei nicht nur auf das von uns zugänglich
gemachte Wissen und die daraus
ermöglichten Einsichten. Der analysierte Hintergrund
wird auch von den praktischen Erfahrungen
des Lebens bestätigt. Eine Vorreiterrolle
hat dabei die international renommierte
Stiftung Schweizerische Schule für
Blindenführhunde Allschwil übernommen. In
langjähriger Zusammenarbeit wurde dort
Pionierarbeit für ein neues Grundverständnis
der Zusammenhänge von Zucht und Wesen
geleistet. Die erzielten Ergebnisse dürften in
ihrer Bedeutung weit über die Grenzen der
Schweiz hinausreichen. Verschiedene Einblicke
finden sich auch in diesem Leitfaden.
Freuen Sie sich also auf den Gewinn neuer
Ein- und Aussichten für die Gestaltung Ihrer
Zucht oder beim Erwerb Ihres neuen vierbeinigen
Hausgenossen.
Anmerkung
Dieser Leitfaden ist vor allem auf eine kurze und
übersichtliche Darstellung von vernetzten Sachverhalten
mit grundsätzlicher Bedeutung sowie deren
gute Verständlichkeit ausgerichtet. Wer sich mit den
angesprochenen Zusammenhängen etwas näher befassen
möchte, ist gut beraten, für seine speziellen
Fragen und ein vertieftes Hintergrundwissen das
Buch „HUNDEVERHALTEN – DAS LEXIKON“ heranzuziehen.
Schlüsselwörter und Begriffe, die in
dem vorliegenden Leitfaden kursiv geschrieben sind,
wie beispielsweise „Soziale Kompetenz“, „Passung“
oder „Auslese“, finden in dem genannten
Lexikon weitergehende und
eingängige Erklärungen. Zusätzliche
Literaturhinweise stehen am Ende
dieses Leitfadens. Dieser Welpe ist im Eimer. Damit es im übertragenen
Sinn nicht wirklich dazu kommt, müssen
sich Züchter und Welpenerwerber im Bemühen
um ihre Hunde gegenseitig ergänzen. Dazu
braucht es vor allem ein tieferes Verständnis
über ihre wahre Natur. Foto: H. Weidt
Nicht jeder Hund passt überall hin! Züchter wie Welpenerwerber tragen gemeinsam die Verantwortung
dafür, dass die Passung stimmt und kalkulierbare Haltungsprobleme von vornherein ausgeschlossen
werden. Foto: H. Weidt
Verhaltensforschung
© KYNOLOGOS und Schweizer Hunde Magazin, Februar 2006
wut und schliesslich unkontrollierbare Aggressivität
entstehen lassen.
Häufiger noch entstehen Probleme, oft auch
so genannte Wesensmängel dadurch, dass
ein Hund mit dem Leben in unserer belastungsreichen
Zivilisationsumwelt, den Lebensgewohnheiten
seines Halters oder mit der Erfüllung
der an ihn speziell herangetragenen
Aufgaben einfach nicht fertig wird. Dies, obwohl
die jeweilige Rasse oder die betreffende
Zucht eine solche Enttäuschung nicht erwarten
lässt. Auch hier handelt es sich in den
häufigsten Fällen um ein Anpassungsproblem.
Wir werden uns aber weniger damit auseinander
setzen, dass die erwartete Anpassungsfähigkeit
eines Hundes zunächst einmal
eine Frage der Vernunft, also gewissermassen
des gesunden Menschenverstandes ist. Was
bei der Zucht oder Auswahl von Hunden vernünftig
ist, werden wir uns nicht anmassen
hier festzulegen. Vielmehr setzen wir die
grundsätzlich notwendigen Einsichten dazu
voraus und versuchen die mehr verborgenen
Abhängigkeiten offenkundig zu machen.
Die Anpassungsfähigkeit des einzelnen Hundes
spielt sich auf ganz verschiedenen Ebenen
ab. Wir werden uns bemühen, dazu die
wichtigsten Zusammenhänge in einer Weise
darzustellen, dass Sie zunächst Freude am Erkennen
ungewohnter Einsichten und schliesslich
Erfolg bei ihrer praktischen Anwendung
haben.
Gene und Anpassungsfähigkeit
Die Entstehung und der Wandel der Lebewesen
auf unserer Erde hat damit zu tun, dass in
erdgeschichtlich langen Zeiträumen, also in
Jahrmillionen und Jahrtausenden eine fortschreitende
Anpassung der Arten an die sich
ebenfalls ändernde Umwelt stattfand und immer
noch stattfindet. Im Allgemeinen bleibt
dies jedoch von uns Menschen unbemerkt,
weil der natürliche Veränderungs- und Anpassungsprozess
in der Zeitspanne eines einzelnen
Menschenlebens kaum feststellbar ist.
So wird meist erst im Rückblick auf Jahrtausende
und Jahrmillionen dieses Geschehen
nachvollziehbar und nach dem heutigen
Stand des Wissens erklärbar.
Ein grundlegender Mechanismus dieses Geschehens
besteht darin, dass Lebewesen einer
Nachfolgegeneration nicht das identische Abbild
ihrer Eltern sind. Vielmehr sind sie innerhalb
gewisser Bandbreiten das Ergebnis eines
Spiels an Möglichkeiten und unterscheiden
sich deshalb genetisch von ihren Eltern. Wie
gut die Nachkommen mit ihrer neuen Mischung
an erblichen Eigenschaften in ihre Umwelt
passen, stellt sich dann im Ringen um das
Dasein heraus. Ist ihre erbliche „Mixtur“, also
die Neukombination ihrer Gene weniger gut
für die Anforderungen ihrer Umwelt geeignet,
werden sie nicht oder nicht allzu lange überleben.
Sind sie hingegen besser angepasst,
haben sie grössere Chancen, am Leben zu
bleiben und wieder Nachkommen zu haben,
die wiederum den gleichen Spielregeln oder
besser gesagt Gesetzmässigkeiten unterliegen.
Der genetische Wandel nimmt sozusagen
nach Zufall und Notwendigkeit seinen
Lauf.
In beschleunigter Weise ist dies nach dem
gleichen Prinzip bei der Domestikation und
noch schneller bei der gezielten Zucht unserer
Haustiere und somit auch bei unseren Hunden
der Fall. Der entscheidende und beschleunigende
Unterschied besteht darin,
dass hier die Auslese bezüglich der Eignung
der Tiere nicht von der Natur, sondern von der
Vorstellung des Menschen bestimmt wird. Mit
diesem Wandel von der natürlichen zur künstlichen
Auslese ist es unter anderem auch möglich
geworden, dass solche Hunde(-Rassen)
existieren, die unter natürlichen Bedingungen
gar nicht mehr überlebensfähig wären.
Ganz allgemein kann man auch sagen, dass
über den Weg der Domestikation und planmässigen
Zucht unser Haushund mehr oder
weniger seine ehemals natürliche Selbstständigkeit
als Wolf verloren hat und heute weitgehend
vom Wohl und Wehe des Menschen
abhängt. So kann sich der Hund im Allgemeinen
weder seine arteigenen Fortpflanzungspartner
aussuchen, noch mit wem er eine
Lebensgemeinschaft führen will und welche
Art von Umwelt ihm am liebsten wäre.
Damit ist aber auch der Mensch in eine Rolle
geraten, die ihn als Fürsorgegarant dazu verpflichtet,
all das zu tun, was das Wohlergehen
der von uns abhängigen Hunde bestmöglich
sichert.
Gene und ihre Entfaltung
Die Anpassung der Lebewesen an die Anforderungen
ihrer Umwelt geht nicht nur den langen
Weg allmählicher genetischer Veränderungen.
Geradezu wie aus einem Zauberkasten
hat die Natur noch andere und jeweils
unterschiedlich tief und schnell wirkende Lösungen
parat. Das gilt auch für unseren Hund.
Eine der bisher am wenigsten durchschauten
und in ihrer Tragweite nicht ausreichend verstandenen
Strategien besteht darin, dass Gene
in ihrer Funktion und Wirkung durch direkte
und indirekte Einflüsse der Umwelt ein- oder
ausgeschaltet werden. Das heisst, dass bei
gleicher Veranlagung allein durch Einflüsse
der Umwelt ganz unterschiedliche Eigenschaften
entstehen können. Die Veränderungen
gehen natürlich nicht so weit, dass aus einem
afrikanischen Löwenhund ein Bernhardiner
wird, nur weil er in der wunderschönen
Bergwelt des St. Bernhards aufwächst. Der
Unterschied kommt also nicht etwa durch eine
Veränderung der genetischen Struktur, also
der erblichen Anlagen zustande, sondern
dadurch, dass das gleiche Erbgut durch umweltbedingte
Einflüsse andere, gewissermassen
alternative Wege der Entfaltung gehen
kann.
Auf diese Zusammenhänge sind wir u. a. im
Rahmen der Serie „Lernen und Verhalten“
mehrfach eingegangen, zuletzt in Teil 16
„Gene: Vorstellung und Wirklichkeit“ (SHM
1/2006). Der Kürze wegen sei hier lediglich
in geraffter Form ein einziges, aber sehr eindrückliches
Beispiel in Erinnerung gebracht
(siehe auch Teil 15 „Stress: Ursachen und Folgen
im Zuchtgeschehen“, SHM 2/2005).
Wird ein trächtiges Säugetier mit Stress konfrontiert,
den es nicht bewältigen kann, verändert
sich für den entstehenden Nachwuchs
die unmittelbare Umwelt des versorgenden
Mutterleibes. Die Zusammensetzung des inneren
chemischen Milieus ändert sich und
nimmt dadurch Einfluss auf die Art und Weise,
wie das genetische Entwicklungsprogramm
realisiert wird (Vorgeburtliche Einflüsse). Die
Embryonen versuchen gewissermassen, sich
im Rahmen ihrer Entwicklungsmöglichkeiten
an die vom Üblichen abweichenden Umweltbedingungen
anzupassen. Gelingt das im Extremfall
nicht, etwa weil die indirekt erzeugten
Einflüsse zu massiv sind, so kann es sein,
dass sich je nach dem bis dahin erreichten
Entwicklungsgrad die Embryonen auflösen
oder es zu Fehlgeburten kommt. Liegen die
Einflüsse in einem noch verkraftbaren Rahmen,
so kann es beispielsweise dazu kommen,
dass sich der Nachwuchs im weiteren
Verlauf nach der Geburt abweichend ängstlich
und aggressiv entwickelt.
Versucht man nun dazu die Gesetzmässigkeiten
der Natur zu verstehen, so wird ihre Genialität
geradezu schlagartig deutlich: In einer
Umwelt, die massiven unbewältigbaren Stress
für ein Muttertier darstellt, macht es keinen
biologischen Sinn, Nachwuchs zu haben. Der
Nachwuchs kommt deshalb dort nicht weiter
Auch vorgeburtliche Einflüsse können weitreichende
Wirkungen auf die Aktivität der Gene
haben. IIlustration: A. Weidt 2006
Verhaltensforschung
Wer ein bisschen über die tatsächlichen Zusammenhänge
nachdenkt, wird anhand dieses
Beispiels auch erkennen, dass solchen und
zahlreichen ähnlichen Auswirkungen schon
aus prinzipiellen Gründen nicht mit einem
noch so schlauen statistisch-genetischen Computerprogramm
der Zuchtwertschätzung beizukommen
ist.
Es könnte aber auch sein, dass der diesen Zusammenhang
erkennende Züchter aus dem
Gefühl des Unbehagens und dumpfer Ahnungen
unbewusst der Selbstberuhigung zum
Opfer fällt. Und so geht er vielleicht davon
aus, dass seine Hündin ja immer geschont
wird, wenn sie trächtig ist, und unser Beispiel
sowieso nur in Extremfällen, also höchst selten
auftreten dürfte. Dem sei sehr praxisbezogen
gegenübergestellt, dass es beispielsweise eine
grosse Zahl von Hunden gibt, für die hoher
und unbewältigbarer Stress entsteht, wenn
sie sich selbst überlassen werden. Vor allem
ist das dort der Fall, wo das Alleinsein nicht
richtig gelernt wurde und deshalb – auch bei
trächtigen Hündinnen – tiefgreifende Verlassenheitsangst
entsteht. Das gilt auch dort, wo
sich die davon betroffenen Hunde irgendwann
– gewissermassen aus Selbstschutz –
der Resignation hingeben und dann „völlig ruhig“
erscheinen. Wer unser Frühwarnkonzept
zur Vermeidung umweltbedingter Verhaltensstörungen
kennt (siehe auch Literaturhinweise),
weiss, wie man die negativen Folgen
sonst oft gar nicht durchschauter Überforderungen
vermeiden kann.
Vielleicht wird aber auch einsichtig, was es
bedeutet, mit einer trächtigen Hündin auf eine
Hundeausstellung zu gehen, oder mit ihr
an mehr oder weniger sportlichen Veranstaltungen
teilzunehmen – „wo man ihr den Zustand
doch noch gar nicht ansieht“!
Wer also beste Absichten, aber auch klare
Einsichten hat, dürfte schon jetzt von der dunklen
Vorahnung beschlichen werden, dass wir
uns bei den Bemühungen um Verbesserungen
in der Zucht wohl eher in einem Labyrinth von
unerkannten und oft selbsterzeugten Problemen
bewegen. Etwas schonungslos und
ernüchternd sei darüber hinaus angekündigt,
dass unsere weiteren Betrachtungen
den Eindruck kaum vermeiden
können, trotz bester Absichten
im Zuchtgeschehen
Verhaltensforschung
gewissermassen das Pferd von hinten aufzuzäumen
und mit der Stange in einer „genetischen
Vernebelung“ herumzustochern.
Instinktsicherheit und Lernfähigkeit
als natürliche Massstäbe
Wie mittlerweile deutlich geworden sein dürfte,
hängt das Verhalten und Wesen unserer
Hunde nicht nur von ihrer jeweiligen Veranlagung
ab, sondern auch davon, in welcher
Weise ihre Gene durch ihre Umwelt zur Entfaltung
kommen. Dabei ist unstrittig, dass sie
entsprechend ihrer Rassezugehörigkeit jeweils
unterschiedliche, genetisch bedingte Verhaltenstendenzen
aufweisen. Die Unterschiede
stecken also nicht nur in ihren variationsreichen
Erscheinungsbildern und in ihren unterschiedlichen
körperlichen Fähigkeiten. Auch
was sie wie gut lernen können, hängt von
ihren verschieden veranlagten Lernfähigkeiten
ab. Das führen uns beispielsweise Hüte- und
Jagdhunde nicht nur in ihrem ursprünglichen
„Arbeitsgebiet“ vor Augen. Auch als familiäre
Sozialpartner oder noch mehr als Katastrophen-
und Rettungshunde, womöglich sogar
als Blindenführhunde erbringen sie für uns
Menschen faszinierende Leistungen.
Allerdings darf ebenso wenig verleugnet werden,
dass es auch solche absichtsvoll herbeigeführte
Zuchtergebnisse bei Hunden gibt, deren
angeborene Bereitschaft für soziales Lernen
und Sozialverhalten in einem völlig
unnatürlichen Umfang so eingeschränkt ist,
dass sie direkt oder potenziell eine ernste Gefahr
für Leib und Leben von Mensch und Tier
darstellen können. In solchen abartigen Fällen
sind bei der Hündin zum Beispiel schon
während des Geburtsgeschehens die natürlichen
Abläufe der Erstversorgung ihrer Welpen
und das Brutpflegeverhalten mehr oder weniger
massiv gestört. Der Nachwuchs wird nicht
nur vernachlässigt, sondern von der Hündin je
nach dem Grad ihrer Ausfallserscheinungen
drangsaliert oder – sofern sie daran nicht gehindert
wird – getötet. Aber auch die Welpen
zeigen sich abnormal. Sie können mit ihren
Geschwistern oder auch anderen Welpen
kaum oder gar nicht spielen und ihr Verhalten
ist in weiten Bereichen unnatürlich stark von
Unsicherheit, Angst und Aggression sowie der
Unfähigkeit gekennzeichnet, für ein normales
Leben in der Gemeinschaft ausreichend sozial
lernen zu können. Hier geht es also nicht um
eine fehlende, also versäumte Sozialisierung,
sondern um die Unfähigkeit zur Sozialisierung!
Weitergehende Folgerungen gehören mehr in
den Bereich ethischer Ansprüche und Wertmassstäbe
unserer Gesellschaft als in die Alltagsphilosophie
unseres Hundewesens, das
davon ja immer wieder selbst nachhaltig geschädigt
wird.
zustande. Ist ein trächtiges Muttertier weniger
dramatischem, aber immer noch kaum bewältigbaren
Stress ausgesetzt, so gelangt
auf dem indirekten Weg der mütterlichen
Stressreaktionen die Botschaft an den heranreifenden
Nachwuchs, sich auf eine belastungsreiche
Umwelt einzustellen. So kommen
Jungtiere zur Welt, die offensichtlich schon
vorgeburtlich darauf eingestellt sind, später
ihr Leben in einer offenbar gefahrvollen Umwelt
durch erhöhte Ängstlichkeit und Aggressivität
zu sichern.
Selbstverständlich läuft nicht immer alles nur
so ab, wie hier verkürzt und vereinfacht dargestellt.
Die Bandbreite an Möglichkeiten ist
gross und die verschlungenen Wege sind oft
so versteckt, dass sie geradezu heimtückisch
erscheinen und beispielsweise als Spätfolge
erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter
Hirntumore entstehen lassen. Sicher ist jedenfalls,
dass hier mehr oder weniger erfolgreiche
Anpassungsvorgänge stattfinden, die
zwar an den Genen ansetzen, sie aber nicht
verändern, sondern „nur“ Einfluss auf die Art
ihrer Realisierung nehmen.
Beste Absichten und falsche Schlüsse
Kennt man das vorher beschriebene Wirkungsgefüge
der Natur nicht – und das ist leider
noch überwiegend der Fall –, so kommt
auch der wohlwollendste Züchter trotz bester
Absichten fast zwangsläufig zu falschen
Schlüssen. Nach bisherigen Denkgewohnheiten
ist nahe liegend, dass beispielsweise die
erhöhte Neigung zu Angst und Aggressivität
sowie zu Wesensmängeln bei den Hunden
seines letzten Wurfes in einer „unglücklichen“
Verpaarung anzunehmen ist. Und so steht
womöglich schnell der vorher hoch gepriesene
Rüde als „schlechter Vererber“ unter
vielleicht gar noch zuchtausschliessendem
Verdacht.
Computer-Programme und
Zuchtwertschätzung sind für
manche Fragen in der Zucht
hilfreich. Sie können aber
schon aus prinzipiellen Gründen
in der Wesensfrage nicht
weiterhelfen. Vorrangig ist
das wirkliche Verstehen und
Erfüllen der natürlichen Bedürfnisse
unserer Hunde.
Foto: P. Koster
© KYNOLOGOS und Schweizer Hunde Magazin, Februar 2006
Für einen körperlich und psychisch gesunden
Fortbestand unserer Hunde ist daher von
grösster Bedeutung, darauf in verpflichtender
Weise zu achten, dass alle elementaren Lebens-
und Verhaltensvorgänge uneingeschränkt
funktionstüchtig sind. Zuverlässig erkennbar
ist dies an der Instinktsicherheit einer
Hündin. Sie kommt vor allem durch deren
Fortpflanzungsverhalten, ihrer selbstständigen
Gebärfähigkeit und allem im Zusammenhang
mit der Geburt stehenden Verhalten,
insbesondere dem Vollständigkeitsgrad
des Brutpflegeverhaltens zum Ausdruck. Dazu
gehört beispielsweise das Aufreissen der Eihaut,
das Abquetschen der Nabelschnur, die
Leckmassage des neugeborenen Welpen, das
Vertilgen der Nachgeburt und das augenblicks-
und situationsgerechte Eingehen auf
die Betreuungsappelle der Welpen.
Unnötige Eingriffe und Manipulationen des
Menschen nehmen dem natürlichen Geschehen
nicht nur seine Aussagefähigkeit über die
verhaltensbezogene Erbgesundheit der Zuchttiere.
Sie führen bei ihnen auch zu belastenden
Stressreaktionen und beim Nachwuchs
über verschlungene Pfade und Wege zu unvermuteten,
aber oft weit reichenden Folgen.
So spricht immer mehr dafür, dass sich schon
sehr früh ein so genanntes Körpergedächtnis
entwickelt. Beispielsweise kann das Fehlen
oder Verhindern der natürlichen mütterlichen
Fürsorge zum Ausbleiben von „Initialzündunund
nach ein Bild von seiner Welt. Dieses innere
Bild entsteht nicht nur daraus, wie er die
Welt in ihrer äusseren Beschaffenheit wahrnimmt,
sondern zugleich auch dadurch, wie er
sie gefühlsmässig erlebt.
Heute ist prinzipiell völlig klar, dass sich jeder
einzelne Welpe sein eigenes Bild von jener
Welt macht, in die er nach seinen ganz individuellen
Umständen hineinwachsen und in
ihr tätig sein kann. Dieses „persönliche Weltbild“
entsteht in seinem Gehirn. Neben seinen
Fähigkeiten zur Wahrnehmung und Verarbeitung
der Sinneseindrücke (Sensorik) helfen ihm
dabei sein „angeborenes Wissen und Können“,
das er entsprechend seiner genetischen
Herkunft besitzt und nach den Herausforderungen
seiner Umwelt einsetzen kann.
Für ein wirkliches Verständnis der Verhaltensentwicklung
des Hundes ist dabei wichtig zu
verstehen, dass die Gesamtheit aller frühen Erfahrungen
einschliesslich ihrer damit einhergehenden
gefühlsmässigen Bewertungen gewissermassen
zu einer benutzungs- und erfahrungsabhängigen
Selbstprogrammierung des
Gehirns führt. Sie bestimmt in weiten Bereichen
das spätere Verhalten und Wesen eines
Hundes. Wann dazu welche „Fenster“ wie
lange geöffnet sind, hängt nicht nur von der
natürlichen Abfolge der beteiligten Reifungsprozesse
ab, sondern auch davon, welche Antriebe
mit welcher Intensität durch die Veranlagung
zur Entfaltung drängen. Das alles funktioniert
naturgemäss aber nur dann, wenn der
Welpe auf eine Umwelt trifft, die ihm den passenden
Entwicklungsspielraum bietet.
In der freien Natur ist diese als Passung bezeichnete
Übereinstimmung im Allgemeinen
gewissermassen automatisch geregelt. Denn
der Nachwuchs kommt dort zur Welt und
passt sich dort ein, wo er auch später lebt und
mit den vorgefundenen Umweltbedingungen
zurechtkommen soll. Anders ist das bei unseren
Hunden. Oft wachsen sie unter Umständen
auf, die mit jenen, in welchen sie später
gen“ im jungen Gehirn des Nachwuchses
führen und in dessen späterem Erwachsenenleben
die eigene Fähigkeit mütterlichen Verhaltens
einschränken. Hier handelt es sich um
so genannte maternale Effekte.
In ähnlicher Weise können sich unerwartete
Folgen einer Rotlicht-Aufzucht auswirken. Unter
normalen Bedingungen verhindert die
technisch-physikalische Wärmestrahlung einer
Rotlichtlampe jene natürlichen Herausforderungen
des heranwachsenden Organismus,
die dazu führen, dass die körpereigene
Thermoregulation nach und nach zur Entfaltung
kommt. Eine instinktsichere Hündin kann
und muss unter vernünftigen Aufzuchtbedingungen
solche Qualitäten an Nestwärme bieten,
die weit mehr bedeuten als nur ausreichende
Umgebungstemperatur für die Welpen.
Vielmehr entstehen durch diese und
andere Formen menschlicher Überbehütung
Einschränkungen in der Fähigkeit des Organismus,
sich auf die unterschiedlichsten Anforderungen
des Lebens angepasst einstellen
zu können. Dies hat vor allem für die gemeinsame
Entwicklung des Körpers und seiner
Sinne und damit auch für das Lernen und
Verhalten weitreichende Bedeutung.
Das Öffnen der Fenster zur Welt
Für den heranwachsenden Welpen sind seine
Sinnesorgane gewissermassen die Fenster zur
Welt. Wie wir selbst beobachten können, öffnen
sie sich nicht alle gleichzeitig. So gehen
beispielsweise die Augen und Gehörgänge
etwa erst 14 Tage nach der Geburt auf,
während der Tast- sowie der Geruchs- und Geschmacksinn
bereits bei der Geburt relativ
weit gereift ist und zum Teil auch schon vor der
Geburt ansatzweise funktioniert. Die Reifung
der Sinnesorgane geht in der Weise und in der
Reihenfolge vonstatten, wie sie im Laufe der
Entwicklung gebraucht werden. Im Rahmen
seiner jeweils gereiften Möglichkeiten
macht sich
der Welpe nach
Die selbstständige Gebärfähigkeit einer Hündin
und der Vollständigkeitsgrad ihres Brutpflegeverhaltens
sind elementare Indikatoren für den
körperlichen und psychisch gesunden Fortbestand
unserer Hunde. Unnötige Manipulationen
vereiteln nicht nur deren Aussagefähigkeit, sondern
stören ausserdem die weiteren Entwicklungsprozesse.
So entstehen Effekte, die oft
fälschlich den Genen zugeschrieben werden.
Weder Liebe ohne Wissen noch Wissen
ohne Liebe können ein gutes Leben bewirken.
Bertrand Russell (1872–1970). Foto: A. Schneider
Verhaltensforschung
© KYNOLOGOS und Schweizer Hunde Magazin, Februar 2006
Foto: H. Weidt
leben sollen, relativ wenig zu tun haben. Nehmen
wir beispielsweise einen Wurf wunderschöner
Berner Sennenhunde, die in einer
ruhigen und bilderbuchartigen idyllischen
Berglandschaft aufwachsen durften. Sind sie
bis zur Welpenabgabe von ihrem Züchter
nicht ganz gezielt darauf vorbereitet, die unnatürlichen
Zivilisationsreize einer Grossstadt
zu ertragen, werden sie dort ein belastungsreiches
Hundeleben führen müssen, das auch
an seinem künftigen Besitzer nicht spurlos vorbeigehen
wird. Selbstverständlich kommt es
auch ganz wesentlich darauf an, mit welchem
Wissen und Geschick der hoffnungsvolle Welpenbesitzer
das tut, was es gerade am Anfang
für eine gelingende Eingewöhnung und
den Aufbau einer innerlich bereichernden Beziehung
braucht. Hier sei auf den Sonderdruck
„Spielend vom Welpen zum Hund“ als
praxisorientierte Starthilfe für eine harmonische
Partnerschaft hingewiesen (siehe Literaturhinweis).
Unser Bemühen im vorliegenden
Leitfaden konzentriert sich hingegen mehr darauf,
weitere wichtige und bisher weniger bekannte
Zusammenhänge vor Augen zu führen.
Innere und äussere Voraussetzungen
Damit ein Hund das wird, was er nach seiner
Veranlagung in seinem Verhalten und Wesen
sein kann, müssen seine Sinne rechtzeitig gefordert
und damit die Entwicklung seines Gehirns
frühzeitig gefördert werden. Entgegen
verbreiteten Vorstellungen und falsch verstandenen
Praktiken, besteht eine frühe Förderung
aber nicht darin, dass die bisher üblichen Umgangsformen
mit dem erwachsenen Hund einfach
in das Welpenalter vorverlegt werden. Es
geht auch nicht darum, dass Hunde in ihrer
Ausbildung früher fertig gemacht werden können
(im doppelten Sinn), um dann doch nur
das gewohnte Niveau mit den bekannten
(Wesens-)Mängeln zu erreichen. Und schon
gar nicht ist es richtig, zu glauben, einem
Welpen müsse alles Erdenkliche frühzeitig, also
in den ersten 16 Lebenswochen eingetrichtert
werden, damit er fürs Leben geprägt
wäre (auch über das tatsächliche Geschehen
der Prägung und prägender Lerneffekte haben
wir umfangreich publiziert).
Der förderliche Einfluss, wie wir ihn auf der
Grundlage wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse
dringend anraten, besteht vor allem
darin, unseren heranwachsenden Hunden
in der richtigen Reihenfolge und „Dosierung“
das zu geben, was sie ihrer Natur nach
für eine gute Anpassungs- und Bewältigungsfähigkeit
in einer Zivilisationsumwelt wirklich
brauchen, ihnen aber im Allgemeinen unerkannt
vorenthalten wird.
Eine elementare und vielfältig wirksame
Grundlage der Lebensbewältigung heisst
emotionale Sicherheit. Sie entsteht beim Hund
während des frühen Heranwachsens aus der
Grunderfahrung von Geborgenheit und verlässlicher
Fürsorge seitens des Fürsorgegaranten.
Und diese wird vom Geburtsgeschehen
an durch die Hündin an ihre Welpen vermittelt,
sofern sie instinktsicher ist und ihr
dabei und im weiteren Brutpflegeverhalten
vom Menschen nicht hineingepfuscht wird!
Erst im Verlauf nach etwa zwei bis drei Wochen
übernimmt – für die Welpen spürbar –
der Züchter Teilleistungen des Fürsorgegaranten
und bahnt damit bei ihnen die positive
Einstellung auf das Artbild des Menschen an.
So entsteht zwischen den einzelnen Welpen
und ihrem Züchter immer mehr eine gefühlsmässige
Beziehung, die Bindung genannt
wird. Sie wird umso tragfähiger und damit sicherer,
je abwechslungsreicher die zur Verfügung
gestellte Entwicklungsumwelt ist und in
ihr gemeinsam mit dem Züchter lustvolle Aktivitäten
stattfinden. Vor der Welpenabgabe
sollten dann – gewissermassen als „krönender
Abschluss“ – mindestens ein oder zwei so
genannte Betriebsausflüge arrangiert werden.
Gemeint sind damit Ausflüge, bei welchen
die Welpen im Schutz der Gemeinschaft
mit den Geschwistern, der Hündin und des
Züchters frei von unnötigen Ängsten ein Stück
neue und fremde Umwelt erkunden und positiv
erleben können.
Zu allem was die heranwachsenden Welpen
in ihrem Innern brauchen, gehören auch die
nötigen äusseren Voraussetzungen. Denn beispielsweise
schränken die nasskalten und nur
sehr kurzen Tage der „schlechten Jahreszeit“
(etwa November bis Februar) die Erlebnisund
Lernqualitäten erheblich ein. Die naturgegebene
Rhythmik im Jahreslauf hat zudem
starken Einfluss auf die Aktivierung des Organismus
von Mensch und Tier. Es ist ja kein
Zufall, dass in der natürlichen Umwelt Jungtiere
im Allgemeinen dann geboren werden,
wenn sie die besten Voraussetzungen für ihre
Entwicklung haben. In diesem Sinne ist es
auch nicht verwunderlich, dass Heinz Weidt
seit mehr als 25 Jahren einen Aufzucht-Abenteuerspielplatz
für Welpen propagiert und dazu
schliesslich noch spezielle Lernstrukturen
entwickelt hat.
Was Welpen als Erstes brauchen
Ein Welpe traut sich zunächst umso mehr zu,
je sicherer er sich im Bedarfsfall der Verfügbarkeit
und der Schutzfunktionen seines Fürsorgegaranten
ist. Damit ist die aus einer sicheren
Bindung hervorgehende emotionale
Sicherheit entscheidend daran beteiligt, dass
sich das Lernverhalten positiv entwickelt und
die natürlichen Ängste vor Unbekanntem
Schritt um Schritt überwunden sowie die Gegebenheiten
der Umwelt richtig eingeordnet
werden können. Und so ist es eigentlich ganz
einfach zu verstehen, dass eine sichere Bindung
dem natürlichen Ziel des Selbstständigwerdens
junger Lebewesen und dem Erlangen
ihrer Selbstsicherheit dient.
Das gilt beispielsweise auch dann, sollte einmal
ein Züchter den einen oder anderen Welpen
länger bei sich behalten müssen. So wäre
es schlichtweg unsinnig, einen übrig gebliebenen
Welpen psychisch in der Luft
hängen zu lassen und ihm als Züchter kein
Hort des Vertrauens zu sein, damit er sich vermeintlich
später besser auf den künftigen Hundehalter
einstellen kann. Aus dem natürlichen
Bindungsbedürfnis des Welpen heraus ist genau
das Gegenteil nur allzu leicht verständlich:
Die emotionale Sicherheit gibt die Kraft,
psychische Belastungen besser zu ertragen,
also auch Trennungen leichter zu überwinden
und neue Beziehungen vertrauensvoller einzugehen.
Langjährige Erfahrungen mit Blindenführhunden
zeigen dies deutlich. Aufgrund
ihres speziellen Werdeganges wechselt
ihr Fürsorgegarant häufiger als sonst
üblich, während sie zugleich besonders hohen
Lernleistungen und psychischen Anforderungen
ausgesetzt sind.
Es ist also wirklich an der Zeit, die tiefgreifende
Bedeutung der Bindung für das psychische
Leistungsvermögen unserer Hunde zu
verstehen und die verfügbaren Kenntnisse
(siehe auch genannten Sonderdruck) in die
Alltagspraxis zu überführen. Tut man dies
nicht, so ist es geradezu ein Hohn, alle möglichen
statistischen und sonstigen Aufwen-
Verhaltensforschung
© KYNOLOGOS und Schweizer Hunde Magazin, Februar 2006
Zur Entwicklung eines sicheren Wesens braucht
es keinen Trichter, sondern die richtigen inneren
und äusseren Voraussetzungen. Foto: H. Weidt
dungen sowie züchtungsgenetische Massnahmen
zu betreiben, um damit nach nebulösen
Genen zu suchen, die für Wesensmängel verantwortlich
sein sollen.
Die Bedeutung der Eigenaktivität
Um das ganze körperliche und psychische
Leistungsvermögen, das in unseren Hunden
veranlagungsmässig steckt, zur Entfaltung
kommen zu lassen, brauchen sie nicht nur alle
bisher aufgezeigten äusseren Rahmenbedingungen.
In ebenso unverzichtbarer Weise
braucht es seitens des jeweiligen Fürsorgegaranten
von Geburt des Welpen an ganz bestimmte
Umgangsformen. Damit ist die Art
des wechselseitig aufeinander bezogenen
Verhaltens beider Handlungspartner gemeint
(Interaktion). Zur Erinnerung: Anfänglich ist
der Fürsorgegarant die instinktsichere Hündin,
dann mehr und mehr parallel dazu der
Züchter und schliesslich der Welpenbesitzer.
In diesem Geschehen des wechselseitigen
Aufeinandereingehens sind unauffällige, aber
ausserordentlich weitreichende Gesetzmässigkeiten
verborgen. Erst wenn sie in ihrer
Funktion verstanden sind und im Alltag regelmässig
eingehalten werden, kann sich das
Verhalten und Wesen so entwickeln, wie es im
Allgemeinen erwartet wird.
Eine instinktsichere Hündin besitzt dazu die
angeborene Sicherheit des biologisch richtigen
Handelns. Sofern der Züchter oder Welpenbesitzer
„aus dem Bauch heraus“ nicht
vergleichbare Fähigkeiten hat, muss er sie
sich durch Einsicht und praktisches Tun er-
© KYNOLOGOS und Schweizer Hunde Magazin, Februar 2006
werben. Dazu wollen wir auf einige prinzipiellen
Zusammenhänge anhand eines praktischen
Beispiels näher eingehen. Ausgangspunkt
ist der Geschehensverlauf an einem speziellen
Lernspielgerät, dessen tiefgründige
Funktionen kaum auf Anhieb erkennbar sind.
Im Alter von etwa drei bis vier Wochen beginnen
Welpen ihre nähere Umgebung ausserhalb
der Wurfkiste zu erkunden. Dort hat
der Züchter neben anderen Lernstrukturen ein
so genanntes Balancierkarussell bereitgestellt
(siehe Abbildung). Zu unserer Vereinfachung
beobachten wir nur einen einzigen Welpen
und nehmen dabei etwa folgenden Verlauf
an:
Der Welpe wird in vorsichtiger Zurückhaltung
dieses bisher unbekannte Objekt beschnuppern
und es irgendwann mit seinen Pfoten erkunden,
vielleicht auch nur zufällig berühren.
Die dadurch ausgelösten Wackelbewegungen
stellen sich für ihn wie eine Antwort auf
sein vorausgegangenes Tun dar und erwecken
vielleicht mit etwas Verzögerung
erneut und eventuell noch etwas intensiver seine
Neugier. Das kann sich mehrfach hintereinander,
mit oder ohne zeitliche Abstände
wiederholen. Diesem Wiederholen liegt
gewissermassen die Strategie zugrunde, herauszufinden,
ob dieses Objekt wirklich gefahrlos
und das Geschehen nur zufällig ist
oder einer gewissen „Logik“ unterliegt.
Irgendwann wird sich der Neugier- und Erkundungsdrang
gegenüber der Angst vor
Unbekanntem so weit durchsetzen, dass dieses
immer noch relativ unbekannte Objekt
erklommen und darauf Fortbewegungen versucht
werden. Es ist dann eine Frage des Reifegrades
und der erreichten Bewegungsfähigkeit,
bis es dem Welpen gelingt, sich auf
dem schaukelnden Objekt balancierend fortzubewegen.
Schon nach wenigen Versuchen
und innerhalb von ein paar Tagen wird er
sich lustvoll mit dem Balancierkarussell auseinander
setzen und auch dem geübten und
kritischen Beobachter den sicheren Eindruck
vermitteln, dass sich der Welpe darauf wie zuhause
fühlt. Die für ihn nicht voraussehbaren
Schaukel- und Drehbewegungen, welche er
selbst oder auch die weiter beteiligten Geschwister
auslösen, können ihn nicht aus seinem
ganz offensichtlich freudig gestimmten inneren
Gleichgewicht bringen. Vielmehr beschäftigt
er sich immer wieder mit dieser
lustvollen Herausforderung. Im Verlauf der relativ
schnellen körperlichen und psychischen
Entwicklung wird auch deutlich, dass seine
Fähigkeiten im Bereich der Sensomotorik und
Psychomotorik stark zunehmen und der Umgang
mit dem Balancierkarussell immer heftiger,
aber auch immer selbstverständlicher
wird. Das ist auch logisch, denn mit zunehmendem
Gewicht des heranwachsenden
Welpen werden die ausgelösten Schaukel-,
Wackel- und Drehbewegungen immer stärker
und die Anforderungen an die Sinnes- und
Körperleistungen immer grösser. Es findet ein
geradezu automatisch gesteuerter, sich selbst
organisierender und sich selbst fördernder
Entwicklungsprozess statt.
Fragt man nun danach, was dabei alles im
Organismus und bei der Verhaltens- und Wesensentwicklung
stattfindet, wird man über
die Vielschichtigkeit erstaunt sein.
Der kompetente Welpe
Anhand des aufgezeigten Beispiels lässt sich
schon bei erster grober Betrachtung feststellen,
dass es dem Welpen möglich war, durch
eigenes Tun etwas zu bewirken und dabei an
Verhaltensforschung
Die Aufrichtigkeit innerer Zuwendung des menschlichen Fürsorgegaranten und seine Feinfühligkeit
im Erkennen und Erfüllen der natürlichen Bedürfnisse des Welpen ist die Grundlage für eine gelingende
Verhaltens- und Wesensentwicklung. Foto: H. Weidt
Durch eigenes Tun etwas zu bewirken fördert
immer wieder neu den Antrieb zur positiven
Lebensbewältigung. Foto: H. Weidt
sich selbst zu wachsen. Allein die Bereitstellung
geeigneter Rahmenbedingungen durch
den Züchter hat genügt, die Entfaltung und
das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Situationsbeherrschung
entstehen zu lassen. Der
Welpe konnte aus dem Gefühl der vertrauten
Umgebung und dem Geborgenheitsgefühl
aus der verfügbaren Nähe der Hündin, also
aus einer sicheren Bindung heraus, seine
natürliche Eigenaktivität zum Erkunden entfalten.
Dabei konnte er zugleich die ebenfalls
natürliche Unsicherheit gegenüber Neuem in
Sicherheit wandeln. In seinem emotionalen
Gedächtnis hat sich eingeprägt, dass er unbekannten
und gefahrvoll erscheinenden Situationen
nicht hilflos ausgeliefert, sondern
dazu fähig ist, sie zu bewältigen.
Mit diesem „Startkapital“ an Selbstsicherheit
hat er gute Voraussetzungen, sich schrittweise
seine Welt zu erobern und sich durch weiteres
Lernen von ihr ein Bild zu machen, das
frei von unnötigen Ängsten ist.
Die Aktivitäten des Balancierens haben aber
auch seinen Gleichgewichtssinn herausgefordert.
Zur Orientierung und Stabilisierung der
eigenen Lage im Raum wurde ein Grossteil
seiner Sinne mobilisiert und dadurch sehr wirkungsvoll
Lern- und Integrationsleistungen herbeigeführt
sowie die Hirnentwicklung angeregt.
Es wird auch wenig wundern, dass als
Nebeneffekt Welpen unter solchen Aufzuchtbedingungen
kaum Probleme haben, wenn
sie später den Schaukelbewegungen des Autofahrens
ausgesetzt sind. Beispielsweise
dann, wenn sie beim Züchter von ihrem künftigen
Hundehalter abgeholt werden.
Der grosse Schweizer Kinder- und Entwicklungspsychologe
Jean Piaget (1896 bis
1980) hatte schon vor ca. 60 Jahren darauf
aufmerksam gemacht, dass die sensomotorische
Entwicklung des (Klein-)Kindes eine
Grundlage der Entfaltung der geistigen Fähigkeiten
des Menschen ist. Die heutige moderne
Hirnforschung bestätigt dies auf eindrückliche
und differenzierte Weise. Diese Erkenntnisse
sowie eigene praktische Versuche
und Erfahrungen haben uns deshalb dazu geführt,
überall dort, wo aus den unterschiedlichsten
Gründen bei Hunden hohe Anforderungen
an ihr Wesen sowie an ihre Lern- und
Verhaltensleistungen gestellt werden, entsprechende
Entwicklungsbedingungen zur Grundlage
zu machen. Gerade auch hier hat die
Blindenführhundeschule Allschwil äusserst engagiert
wie erfolgreich neuen Wegen der Praxis
die Türe geöffnet.
Wie ebenfalls mit dem Beispiel des Balancierkarussells
aufgezeigt, besteht ein wesentliches
Prinzip der Entwicklungsförderung darin,
Lerngelegenheiten und Lernschritte so zu
arrangieren, dass sie immer wieder neue und
reizvolle, aber nicht überfordernde, sondern
stets bewältigbare Anforderungen darstellen.
So kann die Bewältigungsfähigkeit immer
wieder aus sich heraus – gewissermassen automatisch
wachsen. Auf diese Weise verschieben
sich die Grenzen der Belastbarkeit
immer weiter nach oben und lassen zunehmend
Resistenz gegenüber Stress und somit
Wesensfestigkeit entstehen. Dieses sich selbst
fördernde Geschehen findet in der Affekt-
Logik eine weiterführende und gut verständliche
Erklärung. Gleichzeitig wird aber auch
klar, dass jede Form von Überbehütung solche
förderlichen Prozesse unterbindet und
damit spätere Überforderungen regelrecht
provoziert.
Verständlicherweise ist es im Rahmen dieses
Leitfadens nicht möglich, auf die vielschichtige
Bedeutung der natürlichen Fähigkeiten einer
Zuchthündin und auf Details einer gelenkten
Verhaltensentwicklung ihrer Welpen im Sinne
von „Frei entfalten und geführt lernen“ einzugehen.
Wichtig ist zunächst einmal, ein sehr
viel besseres, naturkundlich ausgerichtetes
Grundverständnis von unserem Hund herzustellen.
Nimmt man nämlich die natürlichen
Bedürfnisse eines Welpen wirklich von Anfang
an ernst und stellt sein Wohlergehen
ungeachtet aller späteren Ziele in den Mittelpunkt,
so wird er schon früh zu einem kompetenten
Lebewesen, das mit uns in besonderer
Weise einen höchst bereichernden gemeinsamen
Weg geht. Ergänzen sich Züchter
und ihre Welpenerwerber in diesem gemeinsamen
Bemühen, werden sie von zahlreichen
Problemen verschont und durch angenehme,
zuverlässige und wesenssichere Hunde belohnt.
Wir werden dazu weitere Hilfestellungen
bereitstellen.
Literaturhinweise
 

 

 

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